Mittwoch, 31. Dezember 2008

Anlagestrategie 2009










Ich liebe meinen Anlageberater. Er ist witzig, interessiert, kompetent, engagiert. Ein Profi. Und ich vertraue ihm, blind, wie meinem Arzt, meinem Automechaniker oder meinem mobilen Spülmaschinentechniker.

Im August 2008 hat er mich zum Essen eingeladen und meint: Kurt, die Zinsen steigen. Ich rate dir deine variable Hypothek von 3.2% in eine 10-jährige Fixhypothek von 3.9% umzuwandeln. Natürlich bin ich seinem Rat gefolgt. Ich nehme ihm das auch nicht übel. Obwohl er allen Dingen falsch lag; was die wirtschaftliche Entwicklung anbelangt, die Entwicklung des Oelpreises, die Währungsentwicklung, die Börsenentwicklung, die Stabilität des Bankenplatzes Schweiz. Der Zinssatz für eine variable Hypothek liegt heute übrigens bei 2,8%.

Wer seine Geldfragen lieber Online regelt, dem steht der virtuelle Anlageberater von „Cash“ zu Diensten. Ich habe ihn befragt und er empfiehlt mir für 2009 folgendes: 20% Aktienfonds, 60% Obligationenfonds, 5% Geldmarktfonds und 5 % Immofonds. Dieselbe Empfehlung wie vor der Finanzkrise.

Die Anlagestrategie von „Focus“ ist cleverer. Sie sieht 3 Szenarien vor: schwere Rezession, mittelschwere Rezession und das Ende der Rezession. Auswählen darf man selber.

Ich kann verstehe, dass unter diesen verwirrenden Umständen die merkwürdigsten Nebenwirkungen eintreten können, dass man nachts schweissgebadet aufwacht, mit Gedanken, dass man an einem Tag mehr Geld für das norwegische Luxus Mineralwasser Voss ausgegeben hat als das gesamte Budget der Eltern für die Sommerferien.

In diesen Fällen gibt’s eine alternative Anlagestrategie. Es erstaunt mich. Niemand spricht darüber. Es gibt kaum Literatur drüber. Es gibt dafür keine Online oder Anlageberater. Diese Anlagestrategie benötigt keine Analysten, keine Computermodelle, keine Nobelpreisträger für Mathematik. Sie ist 100% transparent, 100% wasserdicht, krisenresistent, nachhaltig und verspricht nicht nur einen garantierten R.O.I., sondern bietet auch 100% Kapitalschutz, auch dann wenn die Hausbank Konkurs geht. Es ist die beste, ergiebigste, und erfüllendste Anlage. Es ist die Anlage in Freundschaften und Beziehungen. Betrachten wir das Jahr 2009 als das Jahr der Freundschaften.

Die Anlage in Freundschaften hat noch weitere positive Nebeneffekte. Man verbringt weniger Zeit im Wirtschaftsteil der NZZ oder Internet und hat dafür mehr Zeit fürs Gespräch, für Musik, fürs gegenseitige Vorlesen. Der gesunde, erholsame Schlaf kehrt zurück. Die Fresssucht verschwindet. Die Zigaretten gehen baden, in der Toilette. Die Libido steigt. Der Bauch geht Weg. Die Haut wird wieder sanft und geschmeidig und die gesunden roten Backen kehren zurück.

2 Kommentare:

rolf hat gesagt…

Kurt trifft den Nagel auf den Kopf, und dazu eine kleine aber wahre Geschichte:
2004 suchte in einer Kleinstadt in Westfrankreich (Cholet) ein Mann mit massiven Magenbeschwerden und Verstopfung die Notfallaufnahme der örtlichen Klinik auf. Beim Röntgen staunte der Arzt nicht schlecht, als er auf einen Berg von Münzen stiess, deren Gewicht den Magen des Patienten bis auf die Hüften hinunterzog. Einige Tage später wurden Magen und Geld operativ entfernt; es handelte sich um 5,5 Kilogramm Münzen, lauter Franc- und Eurostücke. Zwei Wochen darauf starb der Mann allerdings an den Komplikationen des Eingriffs.
Und die Moral von der Geschicht: Geld drückt nicht nur auf's Gewicht ...
sondern ist erst noch unverdaulich und allenfalls tödlich. Gut zu wissen, für das Neue Jahr.

isabelle hat gesagt…

Cholet, Cholet, ich kenne doch diese kleine Stadt in Frankreich. Sie ist auch für ihre Taschentücher bekannt: Les petits mouchoirs de Cholet... Ein wehendes Taschentuch , um sich von dem Jahr 2008 zu verabschieden . Um das Neue Jahr 2009 zu begrüssen. Ein Jahr in welchem wir Worte durch Werte ersetzen könnten... Strategien durch Vertrauen, Gier durch Neugier, Manipulieren durch Respekt ... Ich mache gleich einen Knoten in meinem Taschentuch. Ich möchte diese guten Vorsätze nicht gleich nach dem Rutsch vergessen.